Zeitungsartikel
Angefangen hat alles ganz schlicht, in der siebten Klasse im Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Berlin. Im Unterricht waren Menschenrechte Thema, und als eine Beispiel-Organisation wurde amnesty international vorgestellt. Die Schulklasse war zu Gast im Berliner amnesty-Büro und durfte dort an einer Petition mitschreiben, in der sich die Menschenrechtler für drei Jugendliche in Myanmar (Burma) einsetzten, die dort für bessere Schulbildung protestiert hatten und deshalb verhaftet wurden, wie es in der Militärdiktatur leider viel zu oft geschieht.
Einer der Schüler war Marc Ludwig. Der damals 15jährige konnte nicht glauben, was auf der Welt so vor sich geht, wie Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Also wurde er aktiv. Gemeinsam mit Freunden gründete er an seiner Schule einen Arbeitskreis, um mit Flyern und Unterschriftenlisten auf das Schicksal der drei Jugendlichen in Myanmar aufmerksam zu machen. Sie sammelten so etliche Unterstützer für die amnesty-Petition, verfassten Appellbriefe und organisierten Kuchenbasare. Dass ihnen dafür der Rosa-Luxemburg-Preis für ehrenamtliches Engagement verliehen wurde – damals mit 200 D-Mark dotiert – hat der Motivation der jungen Menschenrechtler sicherlich nicht geschadet.
Marc engagierte sich dann ehrenamtlich als Jugendreferent in seinem Berliner Bezirk. Seine Aufgabe: Jugendgruppen betreuen und vernetzen. Zum Amtsantritt tourte er erstmal durch die Schulen und stellte den Schülern vor, was amnesty so tut. Nach seinen Präsentationen entstanden regelmäßig neue Schülergruppen, die ihren Beitrag im Kampf gegen Unterdrückung leisten wollten. Manchmal schien es, als hätten die jungen Menschen geradezu nur darauf gewartet, bis irgendjemand die Initiative ergreift und sagt, wie man aktiv werden kann.
“Jugendliche wissen einfach viel zu wenig darüber Bescheid, welche Rechte ihnen zustehen, wann diese verletzt werden und was sie dagegen tun können”, erklärt Marc, und deswegen wolle er Aufklärungsarbeit leisten. “Nicht nur in der Dritten Welt werden Menschenrechte verletzt, sondern auch direkt vor unserer Haustür. Themen wie Polizeigewalt, häusliche Gewalt an Frauen oder Vernachlässigung von Schutzbefohlenen sind auch bei uns aktuell.”
Geistesverwandte fand Marc schnell, nicht nur in den neuen Schülergruppen oder bei amnesty international, sondern vor allem im Internet: Per Zufall stieß er auf die Internetplattform TakingITGlobal.org, mit über 100.000 Mitgliedern das größte internationale Jugendnetzwerk. Hier treffen sich junge Aktivisten aus jeder Ecke des Planeten, berichten aus erster Hand über Probleme und Lösungswege in ihrer Heimat, stellen ihre Projekte und Ideen vor, liefern Informationen über internationale Tagungen und geben sich Praxistipps, wie man am besten ein Projekt organisiert, bzw. was man eigentlich unternehmen kann usw.
Mittlerweile gehört Marc zur Speerspitze von Taking IT Global, und sein Leben ist genauso international geworden wie dieses Netzwerk: Kaum war er von der internationalen Ratstagung von amnesty in Mexiko, wo er als Jugenddelegierter der deutschen Sektion teilnahm, zurück, packte er schon wieder seine Koffer für den Flug nach Tunesien, wo er für Taking IT Global beim Filmedrehen vor Ort war. Sein Leben zwischen den Kontinenten macht Marc Spaß, nicht nur, weil er viele gleichgesinnte Jugendliche trifft und tausende Eindrücke aus fremden Ländern sammelt, sondern vor allem, weil ein Sinn, eine Mission hinter seinen Reisen steht.
Die aktuelle Mission von Marc heißt: Schrei für dein Recht! Das ist ein Kino-Spot, der junge Menschen dazu anstoßen soll, aktiv zu werden für ihre Rechte und für die Menschenrechte.
Die Idee dazu kam ihm, als amnesty einen Werbespot drehte und Marc sich fragte, was amnesty denn konkret tut, um auch jungen Menschen Beteiligungsmöglichkeiten zu bieten. Da fiel ihm nicht viel ein, und den Verantwortlichen bei amnesty scheinbar auch nicht.
Daher ergriff er selbst die Initiative. In der Stadtzeitung veröffentlichte er eine Ausschreibung, auf der Suche nach Jugendlichen, die an einem Werbespot für Menschenrechte mitarbeiten wollen. Ungefähr 60 Interessierte, darunter viele Studenten und angehende Schauspieler, meldeten sich, und taten sich zur “Freien Filmgruppe Berlin” zusammen. Ehrenamtlich opferten sie viel Zeit, Mühe und auch Geld, doch nach einiger Vorbereitung und nur einem Drehtag stand ein 30-Sekunden-Werbespot.
Die Nachwuchs-Filmemacher wollten für ihr Vorhaben eines Kino-Spots aber nicht nur amnesty gewinnen, sondern eine unabhängige Plattform aller interessierten Jugendlicher bilden. Sie sprachen Organisationen wie Aktion Weißes Friedensband, unicef oder Brot für die Welt nach (zumindest ideeller) Unterstützung an, und seitdem zieren die Logos dieser angesehenen Verbände die Homepage von “Schrei für dein Recht”.
Derzeit sucht die Gruppe nach Finanzmitteln, um den Spot auch in die Kinos zu bringen. 300 Kopien werden gebraucht, die an ausgewählte Kinos geschickt werden und anschließend in weiteren Kinos zirkulieren sollen. Noch wissen die Filmemacher nicht, wo das Geld herkommen kann, doch wegen der Unterstützung durch die großen Verbände gibt man sich optimistisch, dass sich noch eine Möglichkeit auftut.
Auf der Homepage der Initiative findet man Infos, wie man schreien kann für sein Recht und die Menschenrechte. Eine Aktiven-Datenbank ist am Entstehen: Ob man sich einsetzen will für Aids-Medikamente in Südafrika, den Stopp des Missbrauchs von Kindern als Soldaten oder die UN-Millenniumsziele: überall stehen ganz konkrete Mitmach-Angebote.
Marc selbst wird noch eine ganze Weile weitermachen mit seinem Projekt. Täglich ist er am Telefonieren, Mailen und Tippen. Nebenher erstellt er auch noch eine Studie zu Jugend-Partizipationsmöglichkeiten in Verbänden, im Auftrag der Kindernothilfe.
Wo er die Motivation her nimmt? “Viele Erwachsene haben schon aufgegeben, wenn es heißt gemeinnützig für eine bessere Welt zu kämpfen. Oft belächeln sie diesen Idealismus und belehren uns, wir sollten uns lieber um unsere eigenen Probleme kümmern und dass das sowieso nichts bringt. Ich glaube, das ist einfach falsch. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, wir sagen, was wir denken, weil wir uns äußern dürfen und zu unserer Meinung stehen. Wenn einfaches Sprechen nicht gehört wird, dann schreien wir eben, anstatt zu verstummen.”




